Meine, Deine, Unsere Werte: Passt du in die Organisation?

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Gemeinsame Unternehmenswerte sind zwar nicht immer in einem übergeordneten Leitbild verankert, dennoch gibt es zumindest informelle Werte, die in einer Organisation im Alltag erkennbar sind. Wenn ich einen Recruiting-Prozess begleite oder selbst führe, frage ich nach den Gesprächen die Verantwortlichen immer „Passt der Bewerber in die Organisation“? und bekomme hin und wieder selbst bei fachlich hoch qualifizierten Bewerbern als Antwort „Würde schon passen, ABER…“. Das „Aber“ lässt sich oft nicht genau definieren. Offenbar blieben zwischen den Zeilen einige Zweifel zurück, obwohl das Gespräch gut lief und der Kandidat grundsätzlich geeignet wäre.

Dann der nächste Bewerber. Fachlich nur bedingt geeignet, das Foto nicht überzeugend, die Zeugnisse mittelmäßig. „An average candidate“ sagen die Amerikaner, also ein durchschnittlicher Bewerber, der zwar das Interesse durch ein originelles Anschreiben geweckt hat, dem man aber von außen betrachtet eher geringe Chancen einräumt. Es kommt ein erfrischend sympathischer Mensch zur Tür rein, der neben seiner geringeren Qualifikation (im Gegensatz zu anderen Bewerbern) aber durchaus persönlich überzeugt. Gut informiert über die Organisation, sympathischer Gesprächspartner und wirkt spontan passend, wenn man ihn sich im Team vorstellt. 



„Der passt einfach gut zu uns!“

In der Endauswertung hat sich letzterer Bewerber durchgesetzt, obwohl er am geringsten qualifiziert war. „Cultural Fit“, also die kulturelle Passung eines Bewerbers, beschreibt die Übereinstimmung eines Kandidaten mit den formellen, insbesondere aber den informellen Werten eines Unternehmens. Passt jemand ins Team, ins Unternehmen und trägt jemand die Besonderheiten und auch Eigenheiten einer Organisation mit? Diese Fragestellung ist zentral beim Einklang von Unternehmenskultur und Kandidaten. Der Cultural Fit ist keine willkürliche Auswahlmethode, sondern ein wichtiger Faktor zur Reduzierung von Fluktuation und Steigerung der Mitarbeitermotivation im Unternehmen. 
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Obwohl es oberste Priorität bleibt jemand fachlich qualifizierten einzustellen, der vorwiegend gute Arbeit leistet, ist der Stellenwert der kulturellen Passung nicht zu unterschätzen. Werfen wir einmal einen Blick darauf, welche Auswirkungen eine Missachtung des Cultural Fit hat:
  • Mitarbeiter finden nicht ins Team und fühlen sich langfristig ausgegrenzt, Ergebnis: Kündigung und hohe Fluktuation.
  • Die Motivation neuer Mitarbeiter, die nicht in die Unternehmenskultur passen sinkt auf „Dienst-nach-Vorschrift-Niveau“, Ergebnis: Konflikte, neue Lowperformer.
  • Geringe Übereinstimmung mit den Teamwerten, Ergebnis: Kein Teamplayer
  • Unternehmenswerte werden nicht gelebt und mitgetragen, Ergebnis: Belastetes Arbeitsklima.

Gemeinsame Werte sind also ein wichtiger Faktor, der sich anhand der vorangegangenen Punkte durchaus bemessen lässt. Wenn man mit einem Kollegen einfach nicht zurechtkommt, obwohl er/sie seine Arbeit gut macht, kann dies ein Hinweis auf einen geringen Cultural Fit sein. 

Bei der kulturellen Passung eines Bewerbers geht es nicht darum ein neues Messinstrument von Personalern anzuwenden, sondern sich vielmehr mit der Kultur der Organisation auseinanderzusetzen. Aus diesem Grund ist es für eine Organisation und einzelne Organisationseinheiten zielführend, sich diese Werte in gemeinsamen Workshops bewusst zu machen. Daraus können sich durchaus einige Punkt ergeben, an denen sich der Cultural Fit messen lässt. Welches Team sich die Frage „Was macht uns als Team aus“ gemeinsam beantwortet hat, kann seine Werte klar beschreiben. So fällt es leichter passende Kandidaten zu finden und es wird im Rahmen des Recruitingprozesses objektiver für die Beteiligten. 



„Wenn denen deine Nase nicht passt, kannst du noch so qualifiziert sein.“

Insofern ist etwas an diesem Spruch dran, dass ein Businesstyp mit BWL-Abschluss im Nadelstreifenanzug wohl eher nicht in die Unternehmenskultur eines freien Trägers der offenen Jugendarbeit passt. Also auch die äußere Erscheinung ist bereits eine Frage der Passung, AGG hin oder her. Viele Bewerber gehen ohnehin davon aus, dass ihre jahrelange Arbeit bei Klausuren, Fortbildungen und Bücherwälzen nicht gewürdigt wird, wenn die persönliche Ebene im Gespräch nicht passt. 
Dabei ist der Cultural Fit ein wichtiger Aspekt, auf den Personaler und Führungskräfte zunehmend achten. Das können Sie sich zunutze machen, indem Sie folgende 5 Leitfragen vor dem Gespräch vorbereiten und beherzigen:

  1. Findet sich auf der Webseite der Organisation ein Leitbild? Falls nicht, ist das eine Frage, die Sie im Vorfeld beim telefonischen Kontakt stellen können oder auf die Sie im Gespräch Bezug nehmen können. 
  2. Wer sind Ihre Gesprächspartner, welchen Ausbildungshintergrund haben sie und welche Funktionen haben sie im Unternehmen?
  3. Nehmen Sie die Stelle an, weil Sie einfach mal ein bisschen Erfahrung in dem Bereich sammeln wollen oder können Sie sich mit dem übergeordneten Auftrag (Angebot einer bestimmten Dienstleistung, Herstellung eines bestimmten Produkts) identifizieren. 
  4. Wie stellen Sie sich eine positive Zusammenarbeit mit einem Team vor? 
  5. Was unterscheidet das Unternehmen konkret von Wettbewerbern und wieso interessiert Sie ausgerechnet dieses?

Wenn Sie sich also als idealistischer Pazifist bei einem Rüstungskonzern bewerben, weil Sie die Stelle anspricht, dann ist ihr Cultural Fit mit dem übergeordneten Auftrag (siehe Punkt 3) sicher nicht vereinbar. Es sei denn Ihre opportune Seite ist stärker. Aber was haben Sie von einem Arbeitgeber, mit dem Sie mittelfristig keine Perspektive sehen? Wie fühlt sich Ihr Arbeitsweg, die Arbeitsumgebung und die Zusammenarbeit mit den Kollegen an?

Große Vorteile haben Berufe und Studiengänge, die Generalisten ausbilden, denn diese können sich im Gegensatz zu spezialisierten Ausbildungen, wie etwa Chemielaboranten, einen für sie passenden Bereich aussuchen. Kaufleute, Betriebs- und Sozialwirte sowie (Sozial-)Pädagogen sind beispielsweise in vielen Branchen und Organisationen einsetzbar. Ihr Know-How kann der öffentlichen Hand ebenso wie der freien Wirtschaft im Dienstleitungs- und Produktionsbetrieb dienlich sein. Auch hier ist es wichtig, sich zunächst mit den eigenen Werten auseinanderzusetzen und zu schauen, welche Organisationen in Frage kommen. Wer sich überlegt in eine andere Branche zu wechseln kann im Vorfeld seine Passung sehr gut mit den Selbsttests, bereitgestellt von Xing.com, machen. Der Link ist hier zu finden: https://bewerbung.com/selbsttests.

Letztlich sind all diese Themen nicht in direkter Verbindung mit dem Produkt oder der Dienstleistung und kosten Zeit und Geld. Sich nicht damit auseinanderzusetzen hat langfristig größere Folgen auf der Kostenseite im Recruiting und auf der Ertragsseite, weil die Wertschöpfung geringer ausfällt bei unmotivierten Mitarbeitern.

Ich freue mich über Ihre Erfahrungen und Anmerkungen in den Kommentaren unten. 

Viel Erfolg bei Ihrer Bewerbung und Ihren Recruitingprozessen
Benjamin Rahn

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