Mythos Krankmeldung

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Mit dem Wissen im Arbeitsrecht ist es wie im Fußball: jeder weiß es besser als der jeweils andere und am Ende haben beide unrecht. Das gefährliche Halbwissen bei rechtlichen Fragestellungen kostet auf Seiten von Arbeitnehmern und Arbeitgebern Geld, Nerven und Energie.

Zeit also die Rubrik „Wissen“ weiter zu füllen, diesmal mit dem Thema „Krankmeldung“ mit den sechs am häufigsten falsch ausgelegten Punkten.

I. Wann müssen Sie Ihrem Arbeitgeber eine Krankmeldung vorlegen?
Wer jetzt wie selbstverständlich „am dritten Tag“ rausposaunt hat, der irrt sofern sein Arbeitsvertrag diesen Sachverhalt nicht eindeutig so festschreibt. Wie häufig fälschlicherweise angenommen, verlangt der Gesetzgeber nicht am dritten Tag, sondern NACH dem dritten, also dem VIERTEN Tag, eine Krankmeldung durch einen Arzt. Geregelt ist dieser Sachverhalt in §5 Entgeltfortzahlungsgesetz (Anzeige und Nachweispflichten). dort steht geschrieben:

(1) Der Arbeitnehmer ist verpflichtet, dem Arbeitgeber die Arbeitsunfähigkeit und deren voraussichtliche Dauer unverzüglich mitzuteilen. Dauert die Arbeitsunfähigkeit länger als drei Kalendertage, hat der Arbeitnehmer eine ärztliche Bescheinigung über das Bestehen der Arbeitsunfähigkeit sowie deren voraussichtliche Dauer spätestens an dem darauffolgenden Arbeitstag vorzulegen.

Wie oben bereits angedeutet, kann ein Arbeitsvertrag durchaus andere Regelungen beinhalten. Denn der Arbeitgeber hat die Möglichkeit eine Krankmeldung früher einzufordern: 

„Der Arbeitgeber ist berechtigt, die Vorlage der ärztlichen Bescheinigung früher zu verlangen.“

Das darf er bereits ab dem ersten Tag verlangen. Wenn Sie also in Ihrem Arbeitsvertrag einen Absatz über die Krankmeldung finden, in dem steht, Sie müssen AM dritten Tag eine Krankmeldung vorlegen, gilt die Passage des Arbeitsvertrages als rechtens.

II. Krankmeldung am Wochenende
Müssen Sie am Montag eine Krankmeldung vorlegen, wenn Sie am Freitag krank waren? JA. Denn bei einer Krankmeldung zählen nicht die Arbeitstage, sondern die Kalendertage voll mit. Freitag 1. Tag, Samstag 2. Tag, Sonntag 3. Tag, bedeutet am Montag müssen Sie eine Krankmeldung vorlegen. Häufig wird der Montag von Ärzten noch mit krankgeschrieben, damit an diesem Tag eine mögliche Nachuntersuchung erfolgen kann. Hintergrund der Kalendertagzählung ist die Berechnung von Krankengeld. Denn sechs Wochen lang, also 1,5 Monate, erhalten Sie weiterhin Ihr Gehalt von Ihrem Arbeitgeber. Danach übernimmt die Krankenkasse die Zahlungen für Ihren Lebensunterhalt, sofern Sie wegen der gleichen Diagnose weiterhin krank sind. Die Höhe bemisst sich an Ihrem letzten Einkommen und macht etwa 70% davon aus.

III. Androhung einer Krankmeldung
Vorgesetzte machen hin und wieder Vorgaben, mit denen Sie als Arbeitnehmer nicht einverstanden sind. Sie wissen, dass Sie grundsätzlich Folge leisten müssen, sofern sich die Anweisung auf betriebliche Belange und Ihre Tätigkeit bezieht (geregelt in §106 Gewerbeordnung „Direktionsrecht“).
Nehmen wir an, Mitarbeiterin Gisela (Verkäuferin im Einzelhandel) hätte gerne kurzfristig in der Weihnachtszeit Urlaub, weil Sie mit Ihrem Mann zusammen Skifahren gehen möchte. Der Vorgesetzte verweigert den Urlaub mit dem Hinweis auf die bereits kranke Kollegin und das Weihnachtsgeschäft. Anschließend teilt Gisela mit, sie werde dann eben „auch ausfallen“, weil sie bereits den Ski-Ausflug gebucht habe, wenn sie ihren Urlaub nicht bekommt. 
Spätestens jetzt wird es für die Arbeitnehmerin ernst. Denn die Androhung einer Krankschreibung rechtfertigt eine (fristlose) Kündigung durch den Arbeitgeber, sofern der Arbeitnehmer nicht krank ist (LAG Berlin-Brandenburg 2013, 10 Sa 2427/12). Ist ein Mitarbeiter dann wider Erwarten tatsächlich nach der Androhung krank, rechtfertigt dieses Verhalten immerhin noch eine Abmahnung.

IV. Krank im Urlaub
Wenn Sie im Urlaub so erkranken, dass Sie weder handlungsfähig noch urlaubsfähig sind, so müssen Sie Ihre Erkrankung mit voraussichtlicher Dauer ebenso dem Arbeitgeber mitteilen, wie Sie das auch tun würden, wenn Sie nicht im Urlaub sind. Für diese Zeit werden Ihnen keine Urlaubstage abgezogen. Einen Anspruch auf einen sofortigen Anschluss an den ursprünglich geplanten Urlaub haben Sie jedoch nicht.

V. Darf ich arbeiten, wenn ich krankgeschrieben bin?
Die klare Antwort ist, JA. Eine Krankschreibung ist kein Verbot zu arbeiten. Letztlich liegt es im Ermessen des Betroffenen und des Arbeitgebers, Ihren Zustand zu beurteilen.
Der Arzt gibt bei einer Krankschreibung nur eine Prognose über den Verlauf der Genesung ab. So kann es durchaus sein, dass Sie sich schon seit Tagen erkältungsbedingt unwohl fühlen, am Montag zum Arzt gehen und dieser Sie die gesamte Woche krank schreibt. Am Mittwoch stellen Sie jedoch fest, dass es Ihnen bedeutend besser geht, so dass Sie am Donnerstag wieder arbeiten können. Sie beschließen Ihre Arbeit wieder aufzunehmen.

ES GIBT KEINE GESUNDSCHREIBUNG! 

Manch einem Krankgeschriebenen fällt bekanntlich daheim die Decke auf den Kopf, so dass Halbkranke gerne auch wieder in die Arbeit gehen. In diesem Fall darf sich Ihr Vorgesetzter auf die Krankschreibung berufen und Sie wieder heimschicken, damit Sie sich ausreichend auskurieren. Nur für ein paar Stunden in die Arbeit zu gehen und mit der Krankmeldung Überstunden zu sammeln ist unzulässig. Gehen Sie also am Donnerstag wieder in die Arbeit, können Sie nicht ohne weiteres am Freitag daheim bleiben.

VI. Ich war krankgeschrieben und mein Chef hat mich in der Stadt gesehen, bekomme ich jetzt die Kündigung?
Zuerst die beruhigende Antwort: Ihr Chef hat keine Handhabe, wenn er Sie während einer Krankschreibung in der Innenstadt trifft, selbst wenn Sie eine Tüte von H&M mit sich herumtragen. Sie dürfen sogar in die Sauna oder ins Schwimmbad gehen. Alles, was zu Ihrer persönlichen Gesundung beiträgt und vor allem so ausgelegt werden kann, dürfen Sie während einer Krankschreibung auch unternehmen.
Anders verhält es sich, wenn Sie krankgeschrieben sind und werden von einem Kollegen oder im schlechteren Fall von Ihrem Vorgesetzten in der Disco, beim Ausdauersport oder beim Dachdecken gesehen. Das sind klare Handlungen, die gegen einen positiven Verlauf einer Genesung sprechen und deshalb entsprechend geahndet werden können.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie gesund bleiben und ein gutes Verhältnis zu Ihrem Arbeitgeber haben. Denn dann sind in aller Regel Missverständnisse zu geplanten Urlauben und einer Krankmeldung eher selten.

Herzlich,
Benjamin Rahn

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