Hört auf Kuscheln zu wollen: 6 unbequeme Wahrheiten über das Betriebsklima

Ein gutes Betriebsklima nennen mehr als 70% der Arbeitnehmer als motivierenden Faktor für ihre Arbeit. Das geht so weit, dass Mitarbeiter sogar ein geringeres Gehalt in Kauf nehmen, um mit den bisherigen Kollegen zusammenarbeiten zu können und eine berufliche Veränderung ablehnen. Dieses Klima ist jedoch ein subjektiv empfundenes Gefühl, das nicht nur die Zusammenarbeit mit den Kollegen, sondern auch die Führungsstruktur betrifft. Neben einer Reihe wirtschaftlicher Faktoren, die weitreichende Auswirkungen auf die gesamte Belegschaft haben, wird das Klima durch soziale Faktoren beeinflusst. Wer sich in einem Unternehmen nicht wohl fühlt, hat in aller Regel kein ausreichendes soziales Netzwerk und fühlt sich durch die Führung eher benachteiligt.

Benjamin Rahn Organisationsentwicklung
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Nehmen Sie die Menschen, wie sie sind, andere gibt es nicht.
(Konrad Adenauer)

Ein wertschätzendes soziales Miteinander ist in einer Organisation nahezu unerlässlich, denn Unternehmen können Ihre Ziele nur erreichen, wenn alle arbeitenden Hände ineinander greifen und einen übergeordneten Zweck verfolgen. Frustrationen Einzelner wirken sich damit direkt auf die Wertschöpfung und eine positive Zielerreichung aus. Dabei sind durchaus die Führungskräfte gefragt, die diese sozialen Situationen und aufkommende Konflikte deuten können.

Unternehmen und ihre Führungskräfte sind jedoch auch riesige Projektionsflächen für Themen, die Mitarbeiter z.T. schon ihr ganzes Leben mit sich herumtragen und in der Organisation wieder erleben. Lassen Sie mich das an einigen Beispielen deutlich machen:

  • Ein objektiv gut bezahlter Mitarbeiter fühlt sich dauernd unterbezahlt und äußert das immer wieder (unter "objektiv" verstehe ich die Bezahlung im Verhältnis zum durchschnittlichen Gehalt dieses Berufsstandes sowie innerhalb der Organisation)
  • Der Ruf nach sozialer Gerechtigkeit einzelner wiederholt sich, obwohl es im Austausch mit der Mitarbeitervertretung sozial gerechter wurde. (Ich bin übrigens der Überzeugung, dass es keine tatsächlich objektive, sondern nur subjektiv empfundene Gerechtigkeit gibt).
  • Mitarbeiter fordern immer wieder Wertschätzung ihrer eigenen Arbeit ein. 
  • DIE-DA-OBEN-Denken und WIR-DA-UNTEN-Denken nimmt zu und äußert sich im Alltag. 
  • Um mit Horst Schlämmer abzuschließen: ALLES IST ZU WENIG, ES MÜSSTE MEHR SEIN!

Verzeihen Sie mir den humoristischen Einwurf am Ende. Es ist allerdings eine Erfahrung, die ich im Austausch mit Coachees, Mitarbeitern und Klienten immer wieder mache. Es müsste immer mehr Geld sein, mehr (Weiter-)Bildung, mehr Freizeit, mehr Wertschätzung, mehr Anerkennung, mehr...mehr... All diese Dinge und Verhaltensweisen beeinflussen das gesamte Betriebsklima. Dadurch sind auch bei Führungskräften die Möglichkeiten der Einflussnahme begrenzt.

Denn manche Mitarbeiter haben bereits in ihrer Kindheit soziale Ausgrenzung oder auch Benachteiligungen durch ihre Eltern und in der Peergroup erfahren. Diese Themen sind natürlich im Laufe des Heranwachsens aus dem Bewusstsein der Betroffenen verschwunden. Aber sie schlummern noch unbewusst in den Köpfen der Menschen.

Mit anderen Worten: Wer sich sein Leben lang ganz offensichtlichen oder auch subjektiv empfundenen Benachteiligungen ausgesetzt sah, erwartet auch in einem Unternehmen benachteiligt zu werden.

Daraus entstehen sich selbst erfüllende Prophezeiungen (auch als self-fulfilling prophecy bekannt), die genau dieses Muster bestätigen. So werden Ihre negativen Erwartungen immer wieder bestätigt und Sie beeinflussen durch Ihre daraus resultierende Stimmung das Betriebsklima. So sind letztlich dadurch bereits einem positiven Klima Grenzen gesetzt. Nachfolgend habe ich sechs unbequeme Wahrheiten über das Miteinander in Organisationen zusammengetragen, die wir im Alltag häufig vergessen. 

6 unbequeme Wahrheiten über das soziale Miteinander in Unternehmen

1. Sie befinden sich mit allen Personen im Unternehmen in einer Geschäftsbeziehung
Das bedeutet, jede Ihrer Arbeitsbeziehungen und sei sie noch so eng, hat einen nicht unerheblichen rechtlichen Aspekt. Dieser fällt Ihnen spätestens bei der nächsten Urlaubsplanung wieder ein, wenn Sie sich mit Ihrem Kollegen über die Verteilung der Tage nicht einig sind. Auch wenn einer Ihrer Kollegen plötzlich Ihr Vorgesetzter wird, ändert sich der Blick auf das Rechtsverhältnis bei so Manchem schlagartig.

2. Ihre Vorgesetzten tragen die Verantwortung
Es mag einfach sein zu sagen "Was DIE da oben machen, geht echt gar nicht", aber Ihre Vorgesetzten müssen die gesamte Organisation mit allen Facetten im Blick behalten. Dabei müssen Entscheidungen auch so gefällt werden, dass der Zweck der Unternehmung im Einklang mit allen Mitarbeitenden und staatlichen Institutionen vereinbar ist. Dass es dabei auch Entscheidungen gibt, die Ihnen im Einzelnen nicht behagen, ist Teil der unternehmerischen Realität. 

3. Das Unternehmen hat mehr Mitarbeiter als Sie
Bevor ich Ihnen langsam aber sicher im Verlaufe dieses Textes unsympathisch werde, hier eine weitere unbequeme Wahrheit: neben Ihren Interessen, haben Sie auch Kolleginnen und Kollegen mit eigenen Interessen. Auch sie wollen gehört werden, wollen Anerkennung und ausreichende Wertschätzung ihrer Arbeit.

4. Unterschiedliche Tätigkeiten haben unterschiedliche Auslastungen
Es scheint mal wieder so als würden Ihre Kollegen eigentlich nichts arbeiten und Sie wären die einzig stützende Säule der Organisation? Beherzigen Sie Punkt 3 und gehen Sie davon aus, dass deren Tätigkeit ebenso wichtig für das Unternehmen ist wie ihre. Fielen diese Weg, würde so wie bei Ihnen auch, ein wichtiges Rad im Getriebe des Unternehmens fehlen. 

5. Wirtschaftliche Unternehmen und soziale Organisationen sind keine Planwirtschaft
Auch wenn Parteien mit kommunistischen Tendenzen uns gerne versprechen wollen, dass es soziale Gerechtigkeit dann gibt, wenn jeder das Gleiche bekommt und alle gleich viel Arbeit haben, so wissen wir aus der Vergangenheit auch, dass Planwirtschaft nicht funktioniert. Denn auch in diesem vermeintlich gerechteren Konstrukt wird es Menschen geben, die eine Aufgabe besser beherrschen als eine andere und es wird immer Menschen geben, die etwas weniger leistungsfähig sind als andere. Ebenso gibt es Menschen, die gerne Verantwortung übernehmen und Mitarbeiter, die lieber eine Fachkarriere anstreben. Vielfalt bereichert eine Organisation. 

6. Sie haben Ihre Stimmung in der Hand
Bin ich bereits unten durch oder können Sie noch? Dann setze ich hier noch einen drauf. Denn Sie sind es, der die Dinge bewertet. Das können Sie positiv oder negativ tun. Wenn es Ihnen damit gutgeht, regelmäßig über alles und jeden zu schimpfen, sich über die Politik, die Unternehmer, die Kollegen und die Welt gerne beschweren, dann ist das Ihre Entscheidung. Niemand hält Sie davon ab, eine andere Haltung zu einem Thema zu entwickeln, niemand.


Zugegeben, die Überschrift ist etwas reißerisch und diese Punkte gehen ans Eingemachte. Sie sollen Sie jedoch zum Nachdenken und zu einem Wechsel Ihrer Perspektive anregen. Ein gutes Betriebsklima ist wichtig, das sehe ich ganz genauso. Ich sehe aber auch, dass ich selbst als Person ein Teil des Betriebs bin und somit einen erheblichen Teil zu dessen Klima beitrage.

Was tragen Sie zum Betriebsklima bei?

Herzlich, Ihr
Benjamin Rahn

Kommentare

  1. Ich weiß ja nicht ob sich solche Blogs gut auf dein Geschäft auswirken, aber ich verschlinge diesen Text regelrecht. Das traut sich sonst keiner so offen zu sagen, oder nur wenige!

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  2. Lieber anonymer Schreiber, vielen Dank für die positive Rückmeldung. Ob und wie sich diese Artikel auf mein Geschäft auswirken kann ich nicht sagen, aber ich schreibe so wie ich die Dinge sehe. Die entsprechende Reaktion darauf sagt immer mehr über den Leser als über mich aus :-)
    Um es mit E. Ferstl zu sagen: „An Menschen mit herausragenden Ecken und Kanten können wir viel besseren Halt finden als an rundum angepassten.“

    Herzliche Grüße
    Benjamin Rahn

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  3. Moin. Das passt soweit ja alles ganz gut und Du triffst es... Wennde mal wieder in der Nähe bist, lass Dich blicken... Beste Grüße von einem nicht wert geschätzten, sich selbst überschätzenden, kein Respekt habenden Basti ��

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    1. Hallo Basti,
      Danke :-)
      Lass mich gerne mal wieder an alt bekannter Wirkungsstätte blicken! Viele Grüße

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